KIB bei Westfalenfleiß: Wenn Behinderung nicht sichtbar ist
von Sebastian Deppe
"Bei psychischen Beeinträchtigungen sind es Haltungen und Unsicherheiten, die Barrieren schaffen"
Nicht jede Barriere ist sichtbar. Während bauliche Hindernisse oft klar erkennbar sind, bleiben die Herausforderungen im Alltag von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen häufig im Verborgenen und damit auch schwerer greifbar.
Genau darum ging es bei einem Besuch von Karsten Kirschke, dem Vertreter der Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in der Kommission für Inklusion und Behinderung (KIB) der Stadt Münster bei unserem Industrie Service Münster (ISM). Gemeinsam mit unserem stellvertretenden Werkstattratsvorsitzenden Werner Pamme und Willi Feller vom Sozialen Dienst hat er sich in der Rudolf-Diesel-Straße über die Arbeit mit Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ausgetauscht und ein Bild vom Werkstattstandort gemacht.
Der ISM ist seit 1988 auf diesen Personenkreis spezialisiert. Heute arbeiten dort rund 120 Menschen im Arbeitsbereich, hinzu kommen Plätze im Berufsbildungsbereich. Ziel ist es, individuelle Wege in Arbeit zu ermöglichen, innerhalb der Werkstatt und darüber hinaus.
Rückzugsorte im öffentlichen Raum
Im Austausch vor Ort wurde schnell deutlich, wie unterschiedlich Barrieren wahrgenommen werden. Während sich bei körperlichen Einschränkungen oft konkrete Lösungen ableiten lassen, sind die Hürden bei psychischen Erkrankungen weniger eindeutig. „Bei psychischen Beeinträchtigungen sind es oft nicht die äußeren Bedingungen, sondern Haltungen und Unsicherheiten, die Barrieren schaffen“, so Karsten Kirschke. Ein Beispiel: Rückzugsorte im öffentlichen Raum. Ruhigere Bereiche bei Veranstaltungen oder sogenannte „stille Stunden“, wie sie inzwischen vereinzelt in Museen oder Supermärkten angeboten werden, können für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung eine große Hilfe sein. Solche Ideen entstehen oft aus persönlicher Erfahrung.
Auch die Rolle der KIB wurde thematisiert. In dem Gremium vertreten Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen ihre Interessen gegenüber Politik und Verwaltung. Dabei zeigt sich, dass psychische Erkrankungen häufig weniger sichtbar sind und entsprechend seltener in konkrete Planungen einfließen.
Gleichzeitig sind Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in solchen Gremien oft unterrepräsentiert, obwohl sie zahlenmäßig eine große Gruppe darstellen. Viele trauen sich nicht, ihre Perspektiven öffentlich einzubringen, auch Stigmatisierung spielt eine Rolle.
Ein wichtiger Baustein
Neben diesen Fragen ging es beim Besuch auch um die konkrete Arbeit der ISM. Ein wichtiger Baustein sind dort Außenarbeitsplätze: Aktuell arbeiten rund 55 bis 60 Beschäftigte in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Jedes Jahr gelingt zudem mehreren Menschen der Wechsel in reguläre Beschäftigung.
Arbeit bedeutet für viele weit mehr als ein Einkommen. Sie gibt Struktur, schafft soziale Kontakte und kann Stabilität im Alltag fördern. Gleichzeitig verlaufen Wege nicht geradlinig. Rückschläge gehören für viele dazu.
Karsten Kirschke kam mit einem eher kritischen Blick auf Werkstätten – und ging mit einem differenzierteren Bild. „Ich habe meine Sicht auf Werkstätten verändert“, sagte er nach dem Besuch. „Ich habe gesehen, wie viel hier möglich gemacht wird und dass Werkstätten für viele Menschen ein wichtiger Schritt in den Arbeitsmarkt sein können.“