Sozialraumorientierung: Teilhabe beginnt vor der eigenen Haustür
von Sebastian Deppe
Mittendrin statt nur dabei
Der Lieblingsplatz im Café um die Ecke, der Besuch im Fitnessstudio, das Training im Sportverein oder das Engagement in der Kirchengemeinde: Für viele Menschen gehören solche Aktivitäten selbstverständlich zum Alltag. Für Menschen mit Beeinträchtigung sind sie jedoch oft noch mit Hürden verbunden. Genau hier setzt die Sozialraumorientierung von Westfalenfleiß an. Ziel ist es, Menschen dabei zu unterstützen, ihr Leben möglichst selbstbestimmt zu gestalten und dort teilzuhaben, wo das Leben stattfindet.
Selbstbestimmung steht im Mittelpunkt
Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Freizeitangebote innerhalb der Wohnhäuser oder Wohngemeinschaften von Westfalenfleiß zu schaffen. Im Gegenteil: „Wir möchten Brücken in den Sozialraum bauen. Gemeinsam mit den Nutzenden schauen wir, welche Angebote es vor Ort bereits gibt, welche Interessen sie haben und welche Unterstützung sie benötigen, um daran teilzunehmen. Immer steht dabei die Selbstbestimmung im Mittelpunkt. Nicht jeder möchte ständig unterwegs sein. Das ist genauso wichtig wie der Wunsch, neue Menschen kennenzulernen oder ein Hobby zu entdecken“, erklärt Maxim Golub, Einrichtungsleiter des Wohnhauses Telgte, der Wohngemeinschaft Oedingteich und der Wohngemeinschaft Zwi-Schulmann-Weg.
Telgte: Gemeinsam Barrieren abbauen
In Telgte engagiert sich Westfalenfleiß etwa seit zwei Jahren im Ausschuss „Leben mit Behinderung“. Gemeinsam mit der Stadt, Schulen, den Alexianern und weiteren Akteuren wird dort darüber beraten, welche Barrieren es noch gibt und welche Angebote für Menschen mit Behinderung und grundsätzlich im Sozialraum fehlen.
Bereits seit vielen Jahren bestehen außerdem Verbindungen zur Lebenshilfe, deren Freizeitangebote regelmäßig von Bewohnerinnen und Bewohnern genutzt werden. Auch mit den Kirchengemeinden gab und gibt es Kooperationen: Einige Bewohnerinnen und Bewohner engagieren sich dort ehrenamtlich oder wirken bei Gemeindeveranstaltungen mit.
Aktuell entstehen neue Ideen. So soll künftig der Emshof in Telgte regelmäßig besucht werden. „Wir planen regelmäßige Nachmittage mit Cafébesuch und Tierbegegnungen. Das wird vielen Bewohnerinnen und Bewohnern gefallen“, sagt Maxim Golub. Ein weiteres Beispiel für gelungene Teilhabe: Ein Bewohner nimmt inzwischen als Vertreter für Menschen mit Behinderung an Ratssitzungen der Stadt Telgte teil und bringt dort seine Perspektive ein.
Gut Kinderhaus: Im Stadtteil fest verwurzelt
Das Wohnangebot in Gut Kinderhaus ist seit vielen Jahren eng mit dem Stadtteil verbunden. Regelmäßig finden Gottesdienste auf dem Gelände statt, die gemeinsam mit den Kirchengemeinden gestaltet werden. Viele Bewohner besuchen seit Jahren Geschäfte, Cafés oder Dienstleister im Ort und sind dort bekannte Gesichter.
Martina Fehnker, Einrichtungsleiterin Gut Kinderhaus, erinnert sich: „Das schöne hier auf dem Hof ist unter anderem, dass Menschen, die nicht verkehrssicher sind, ohne ständige Beaufsichtigung spazieren gehen können. Auch das gehört zur Sozialraumorientierung dazu: nicht ständig etwas machen zu müssen und nicht immer beaufsichtigt zu werden.“
Wünsche für Freizeitgestaltung verändern sich
Insgesamt werden bei Westfalenfleiß wohnstättenübergreifend kulturelle Angebote gerne genutzt – vom Theaterbesuch bis zu Vorstellungen im GOP Varieté-Theater. „Einmal im Jahr machen wir meist einen großen Ausflug mit jedem, der möchte: ins Musical nach Hamburg oder in einen Freizeitpark“, so Martina Fehnker.
Gleichzeitig bemerken sie und Maxim Golub, dass sich die Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner verändern. Während in den Wohngemeinschaften viele jüngere Menschen leben, die gerne Stadtteilfeste besuchen, ins Fitnessstudio gehen oder ihre Freizeit digital verbringen, wünschen sich ältere oder schwerstmehrfach beeinträchtigte Menschen häufig ruhigere Aktivitäten. Deshalb gibt es kein festes Programm für alle. „Ziel ist es, jeder und jedem die Freizeitgestaltung und Teilhabe zu ermöglichen, die zu den eigenen Bedürfnissen passt“, erklärt Maxim Golub.
Nienberge: Inklusives Kaffeetrinken
Im Stadtteil Nienberge treffen sich einmal im Monat Menschen mit und ohne Behinderung im Gemeindezentrum zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Mit dabei sind auch einige Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnhauses am Baumberger Hof. Die enge Zusammenarbeit zeigt sich auch in der Adventszeit: Die Kirchengemeinde stellte bislang ihre Räume für die interne Adventsfeier kostenfrei zur Verfügung.
Bewohner findet neues Hobby als Messdiener
„Besonders schön finde ich, dass ein Bewohner aus der Wohngemeinschaft am Zwi-Schulmann-Weg den Weg in eine Kirchengemeinde gefunden hat und dort inzwischen als Messdiener aktiv ist. Er hat dort neue Freundschaften geschlossen und nimmt heute selbstständig am Gemeindeleben teil“, so Maxim Golub. Für die Zukunft sind weitere Kooperationen geplant. So könnte das Jugendzentrum in Hiltrup mit Billard, Tischtennis, Kicker und Playstation von Bewohnerinnen und Bewohnern von Westfalenfleiß genutzt werden.
Sport verbindet
Auch der Kontakt zu Sportvereinen soll ausgebaut werden. Ziel ist es, bestehende Berührungsängste abzubauen und noch mehr inklusive Angebote zu schaffen. Genau damit hat auch Funky e. V. großen Erfolg. Rund 25 Bewohnerinnen und Bewohner von Westfalenfleiß sind Teil des größten inklusiven Tanzensembles Europas.
Und wer weiß: Vielleicht wird in Gremmendorf schon bald wieder abgeschlagen. Ein Golf-Schnupperkurs hat bei den Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses Gremmendorf großes Interesse geweckt. Einige haben sich inzwischen sogar im Golfverein angemeldet. Aufgrund der positiven Resonanz soll das Angebot fortgesetzt werden. Genau solche Kooperationen möchte Westfalenfleiß künftig weiter ausbauen, damit noch mehr Menschen ihre Freizeit dort gestalten können, wo auch andere Menschen aus dem Stadtteil zusammenkommen.