Leichte Sprache ist gar nicht so einfach

Das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Konvention) spricht Menschen mit Beeinträchtigungen das Recht auf Barrierefreiheit zu. Barrierefreiheit bedeutet aber beispielsweise nicht nur den Abbau von baulichen Hindernissen für Rollstuhlfahrer, sondern auch - und  insbesondere für Menschen mit geringen sprachlichen Fähigkeiten - die Möglichkeit, Texte in Sprache und Schrift zu verstehen.   

„Wenn man sich einmal anschaut, welche Wortungetüme die deutsche Sprache beinhaltet, ist es nicht nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten hilfreich, Texte in einfacher Sprache zur Verfügung zu stellen. Auch für die immer größer werdende Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund, für die nicht zu unterschätzende Anzahl von Analphabeten in Deutschland, aber auch für ´Normalbürger` wäre so manches leichter, wenn schriftliche Texte und persönliche Ansprache verständlicher formuliert wären“, erklärt Michael Sandner, Geschäftsbereichsleiter Begleitende Dienste und Qualifizierung der Westfalenfleiß GmbH.  Das sei auch der Grund gewesen, beim  diesjährigen firmeninternen Mitarbeiter-Fortbildungstag das Thema „Leichte Sprache“ aufzugreifen. Mit Unterstützung durch Dozentinnen des Vereins „Netzwerk Leichte Sprache e.V.“ und durch Mitglieder der „Prüfgruppe für Leichte Sprache Münster“ organisierte Michael Sandner in den Räumen der Westfalenfleiß-Zentrale  am Kesslerweg eine informative und lehrreiche Weiterbildung für Werkstatt-, Verwaltungs- und Parkplatzmitarbeiter. 

 „Wenn jemand etwas nicht versteht, erzeugt das Unsicherheit. Das kennt jeder, der schon einmal im Ausland war und die Landessprache nicht beherrscht“, erläuterte Gisela Holtz, die als Mitglied des „Netzwerks Leichte Sprache e.V.“, seit einigen Jahren als Übersetzerin für Leichte Sprache arbeitet, in ihrem Einführungsreferat. „Man kann nur mitreden und seine Rechte einfordern, wenn man weiß, was die Rechte sind.“  Deshalb sei es besonders für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen so wichtig, dass sie in Leichter Sprache angesprochen werden. Nur dann könne eine Begegnung auf Augenhöhe stattfinden. 

„In der Schule wird gelehrt, möglichst viele verschiedene Worte für ein und dieselbe Sache zu gebrauchen, mit Fremdwörtern und vielen Nebensätzen Texte bunt zu gestalten. Das alles ist für die Leichte Sprache nicht anwendbar. Sätze müssen kurz sein. Es müssen möglichst einfache Wörter und immer wieder dieselben Begriffe verwendet werden. Umso besser können Menschen mit Lernschwierigkeiten ihr Gegenüber verstehen“, prägte Gisela Holtz den Tagungsteilnehmern ein.

In acht Workshops tauchten die Westfalenfleiß-Mitarbeiter dann intensiv in die Regeln für Leichte Sprache ein. Dabei mussten die Teilnehmenden feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, schwierige Sachverhalte in einfache Worte zu fassen. Wie erklärt man Menschen mit Lern- oder Leseschwierigkeiten den Ausdruck „Teamfähigkeit“? Oder was ist eigentlich “Ausdauer“?  „Sie können dann zum Beispiel sagen: `Wir können gut in einer Gruppe arbeiten` oder `Ich kann lange arbeiten und bringe meine Arbeit zu Ende`“, schlug Gisela Holtz zur Übersetzung vor. So wurde dann in den Arbeitsgruppen gemeinsam geübt, wie die Regeln der Leichten Sprache umgesetzt werden können. 

Nach dem konzentrierten Arbeiten in den Workshops wurden die Fortbildungsteilnehmer unterhalten mit gelungenen Einlagen des „Placebo-Theaters Münster“, das mit viel Humor die Tagungsinhalte sowie eingeworfene Anregungen aus dem Publikum aufgriff und daraus mit Worten, Gesten, Mimik und Gesang kurze, spontan improvisierte Theaterstücke inszenierte.  

Hubert Puder, Sprecher der Westfalenfleiß-Geschäftsführung bedankte sich am Ende des Fortbildungstages bei allen Mitwirkenden und bei den Mitarbeitern für die engagierte Teilnahme. „Wir haben hier in unserem Unternehmen schon einige Texte und Flyer in Leichter Sprache verfasst, aber für mich war dieser Tag eine Inspiration, das Thema „Leichte Sprache“  noch intensiver zu verfolgen und nach und nach weitere  Informationen und Verträge in verständliche Texte zu übersetzen“, resümierte er und fügte dann schmunzelnd hinzu: „Aber wie erkläre ich eigentlich „Inspiration“?

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